„Berlin im Ausnahmezustand“: Hier steppt der Bär

berlinBerlin„Berlin von innen“ – Das andere Berlin entdecken: So lautete die treffende Überschrift bei der ersten Beschreibung der Berlinfahrt anlässlich der Studienfahrtwahl. Und zusätzlich erlebten wir - 30 Teilnehmer mehrheitlich aus den Neigungskursen Geschichte und Gemeinschaftskunde – mit den begleitenden Lehrern Herr von Beeren und Herr Stieber „Berlin im Ausnahmezustand“.

Im Anschluss an eine kurzweilige Zugfahrt, bei der sich die Lehrer von Schülern über die Geheimnisse von Facebook unterrichten ließen, bekamen wir bei einer Stadtrundfahrt einen ersten Eindruck. Die Reiseleiterin erklärte die zahlreichen Abriegelungen im Zentrum mit hochrangigem Staatsbesuch aus der Türkei. Ganz offensichtlich war auch, dass sich Berlin noch in den Nachwehen der Wahl des Vortags befand: mindestens alle paar Meter ein Wahlplakat oder ein anderes Requisit der Wahl; häufig voll gekritzelt, oft gerade weggeworfen oder im Abbau. Das war unsere erste Lektion in Sachen Demokratie: Sinn und noch mehr Unsinn der Wahl- werbung. Man sah schon an den Plakaten: Das ist eine bunte Stadt mit einer Vielfalt von Farben, die sich zum Teil kräftig beißen. An der Technischen Uni erfuhren wir, dass das Gelände ziemlich oft weiträumig umfahren werden muss, da regelmäßig einige lustige Scherzbolde Unmengen an Waschmittel in den Brunnen davor schütten Als im Bus die Hungrigen unter uns den Chorgesang: “Wir haben Hunger, Hunger, Hunger“, anstimmten, empfahl uns die Reiseleiterin den ‚Kreuzburger’, die Berlinerische Abkürzung für den Imbiss ‚Bürgermeister’ in Kreuzberg.

Wer es noch nicht mitbekommen hatte, dass unser Berlinaufenthalt mit einem historischen Ereignis zusammen- fiel, erfuhr es spätestens am nächsten Tag. Wegen des anstehenden Papstbesuchs war nämlich das Bundes- presseamt geschlossen. Der Besuch des erst in diesem September eröffneten Tränenpalastes war mehr als ein adäquater Ersatz. Ein Zeitzeuge aus DDR-Zeiten erzählte uns auf sehr emotionale Weise von seinen Lebens- erfahrungen. Als Kind erlebte er beispielsweise fast wöchentlich den Weggang eines Klassenkameraden, weil viele Familien die DDR verließen, solange es noch möglich war. Darüber zu sprechen war ein Tabu. Mit großem Unbehagen spürten wir, was Leben in einem undemokratischen Staat alles bedeuten kann. Am Nachmittag genossen wir den fantastischen Blick von der Kuppel des Bundestags. Bei der Führung lernten wir auch Amüsantes dazu, z.B. was ein Hammelsprung ist. Ein Highlight war das Gespräch mit unserem Bundestags- abgeordneten Dr. Jüttner. Als er sich wegen einer Sitzung zum Eurorettungsschirm frühzeitig verabschieden musste, erfuhren wir von seinem sehr offenen wissenschaftlichen Mitarbeiter einiges von hinter den politischen Kulissen.Vor dem Essen im Paul-Löbe-Haus ging es durch eine der zahlreichen Sicherheitskontrollen, die wir bei unserem Berlinaufenthalt oft passieren mussten. Dabei wurden regelmäßig bevorzugt die Jungen ins Visier genommen. Auf Empfehlung der Lehrer besuchten einige von uns nachmittags noch das DDR-Museum. Dort machten wir es uns in unserem Traumauto Trabant gemütlich.

Am nächsten Morgen im Stasi-Museum hatten wir ein ganz besonderes Glück mit unserer Gruppenleiterin, die sogar ihre Mittagspause für uns opferte. Sie musste früher selbst Erfahrungen mit der Stasi machen und plauderte aus dem Nähkästchen. Überwachungskameras und Wanzen wurden von der Stasi in Gießkannen auf Friedhöfen, in Handtaschen, in Baumstümpfen usw. platziert. Eindrucksvoll schilderte sie auch einzelne Lebensläufe: Ein Schüler, der sich kritisch über die SED geäußert hatte, wurde abgestraft, indem er kein Abitur machen durfte. Unter geänderten Zeitbedingungen holte er es an der gleichen Schule nach und wurde später Leiter einer Privatschule. Als Gysi sein Kind dort anmelden wollte und mit der Geldbörse winkte, wurde es nicht angenom- men. Ist dies aber eine geeignete und demokratische Form der Vergangenheitsbewältigung ?

Nach dem Checkpoint-Charlie erlebten wir noch mehr beklemmende Geschichte im Jüdischen Museum Der Holocaust-Turm, von dem nur wenig Licht aus einer kleinen Spalte von oben eindringt und der nach oben spitz zuläuft, wirkte sehr beengend auf uns. In einer Leerstelle des Gedenkens befindet sich die Installation „Schalechtel“, was gefallenes Laub bedeutet. Tausende von Gesichtern auf dem Boden erzeugen ein starkes Unwohlsein. Die Möglichkeit, eigene Wünsche auf Zettel in Apfelform zu schreiben und an einen Baum der Wünsche zu hängen, wurde von den meisten aus unserer Gruppe genutzt.

Der Donnerstag zeigte uns „Berlin im Ausnahmezustand“ besonders deutlich. Aufgrund des Papstbesuchs waren die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verschärft. Auf den Straßen besonders im Zentrum herrschte eine Art Volksfeststimmung. Aber eine Menge von Demonstranten tat kund, dass ihrer Meinung nach ein kirchliches Oberhaupt nichts im Bundestag verloren hat. Dagegen hätten manche von unserer Gruppe die Rede des Papstes von den Besuchstribünen aus gerne miterlebt. Auch an der Messe im Olympia-Stadion konnten wir zum Bedauern von einigen von uns spontan nicht teilnehmen, da es dafür vorgebuchter Karten bedurfte. Dass sich am Papst und an der katholischen Kirche, am Zölibat und anderem die Geister in Berlin noch mehr scheiden als anderswo, bekamen wir sehr genau durch zum Teil sehr bunt auftretende Protestgruppen mit.

Auf uns alle nachhaltig wirkte der Besuch des Holocaust-Denkmals. Noch stärker als im Stelenfeld im Jüdischen Museum glaubt man, dass einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Jede der 2711 Betonstelen symbolisiert die barbarische Vernichtung von Menschenleben. .Man kann die schmalen Gänge des Stelenfeldes nur alleine begehen und wenn man hintereinander geht, verliert man sich durch die Ähnlichkeit mit einem Labyrinth sehr schnell. Im unterirdischen „Ort der Information“, der eine architektonische und ideelle Verbin- dung zum darüber liegenden Stelenfeld aufweist, wird den Opfern ein Gesicht gegeben. Sechs Millionen ermordete Juden in Europa - Das ist eine von Verstand und Sinnen nicht fassbare Aussage. Aber die letzten Briefe von Opfern über ihre Todesangst vor dem nahenden Tod in hinterleuchteten Bodenvitrinen im Raum der Dimension etwa oder im Raum der Familien die Vorstellung der Lebensgeschichte aller Mitglieder von Familien, die einfach voll- kommen ausgelöscht wurden, machen etwas mit den Besuchern. Im Raum der Namen sitzen die Besucher auf Sitzinseln, während Namen und falls bekannt andere Informationen einzelner Opfer von Stimmen genannt und gleichzeitig hell an die dunklen Wände projiziert werden. Am Ende unseres Besuchs erfassten wir erst richtig die Bedeutung des großformatigen und nicht übersehbaren Zitats von Primo Levi,einem Holocaustüberlebenden:„ It happened, therefore it can happen again: this is the core of what we have to say.”

Nachmittags im Bundesrat schlüpften wir in einem Rollenspiel zum Thema „Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen“ in die Rolle von Politikern. Als Vertreter der einzelnen Bundesländer trugen wir unsere davor in der Gruppe ausgearbeiteten Positionen vor. Das Experiment zur politischen Willensbildung verlief nicht ganz realitätsgetreu, weil wir uns viel zu schnell einig waren.

Am letzten Tag war nach dem Packen das Historische Museum mit deutscher Geschichte von den Kelten bis heute unser letzter Programmpunkt. Herr von Beeren, mollbekannt als Meister der Erzählkunst historischer Geschichten, wäre ganz bestimmt in seinem Element gewesen, hätte er nicht den Museumsbesuch einfach verweigert;).

Bleibt noch zu erwähnen, dass alle Berlinteilnehmer interessante und kreative Referate vortrugen.

Neben diesem nicht wirklich als solchem empfundenem Pflichtprogramm der fünf Tage Berlin gab es natürlich noch Freizeit, in der wir in kleineren Gruppen unterwegs waren. Was den freiwilligen Besuchder zahlreichen Museen anbelangte, so war die Interessenlage sehr unterschiedlich. Während sich manche zum DDR- Museum auf den Weg machten,zogen andere das Beate-Uhse-Museum oder das Computerspiele-Museum vor. Bei letzterem verbarg sich hinter dem harmlosen Namen eine Art Foltermuseum, das zum Teil nur für über Achtzehnjährige und mit Unterschrift zu begehen war. Hand auf heißer Herdplatte, Elektroschocks – tatsächlich kamen einige von uns mit blauen Händen heraus. Der zutreffende Kommentar von anderen: Hallo, geht’s eigent- lich noch?? Auch in der Frage, was ein kulinarischer Genuss ist, gab es nicht nur Übereinstimmungen. Nach dem ersten Abendessen im Hotel entschied die Mehrheit, dies künftig in datschelige gummiartige Lunchpakete umwandeln zu lassen. Der Tipp der ersten Reiseleiterin erwies sich dann abends als goldwert, wobei sich die Kreuzberger Bürgermeisterimbissstube als umgebautes Klohäuschen entpuppte. ( Nein, kein Witz ;)) Einige von uns zogen gelegentlich das Speisen auf dem Fernmeldeturm vor. Manche verdrückten schnell einen Döner oder eine Currywurst, z.B. vor dem Konzert der Berliner Philharmoniker, die einfach klasse waren. Unsere Hotelbar war auch ausgesprochen beliebt. Gründe zum Feiern fanden wir jeden Abend und das wurde durch drei Geburtstage ( 18,19,18) noch begünstigt. In der ersten Nacht konnte die 24-Uhr-Regelung bereits trickreich umgangen werden, da Tamara volljährig wurde. Das Gleiche bei Benedikt in der letzten Nacht, sodass er es gelassen sehen konnte, einen großen Teil seines 18. Geburtstags im Zug auf der Heimfahrt zu verbringen..

Die fünf Tage vergingen natürlich viel zu schnell. Schade war, dass Johannes aus Zeitgründen nicht auf seiner Gitarre spielte und uns deshalb auch das Ständchen von Herrn Stieber vorenthalten blieb. Aber was nicht war, kann ja noch werden. Auf die Rückfahrt begaben sich dann mehr Donuts als Schüler. Und einige von uns hatten Souvenirs der besonderen Art im Gepäck: ausgediente Wahlplakate.

Für unsere engagierten Begleiter ein herzliches Dankeschön für die schönen Tage in Berlin.

Und eines haben Sie uns nachhaltig beigebracht: „Punkt“ Uhr waren wir immer zum Aufbruch bereit.

Unser Motto ‚Hier steppt der Bär’ auf unseren leuchtend grünen Berlin-Shirts traf ins Schwarze. Berlin politisch, päpstlich, kulinarisch, kulturell, täglich und nächtlich ….war top und eine richtig gute Wahl.

Und dieses Fazit bekommt die utopische Mehrheit von geschätzt 100 Prozent der 30 plus 2 wahlberechtigten Teilnehmer der Berlinfahrt.

Melanie Hambsch, Nadine Hambsch, Marco Jürgens

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