Neckarau: Schüler des Moll-Gymnasiums präsentieren breites Spektrum des musikalischen Schaffens argentinischer Komponisten

Verbeugung vor argentinischer Musik

Von unserem Redaktionsmitglied Jan Cerny

Argentinien - Musik - Tango: Stimmt und stimmt wiederum nicht. Natürlich gehört der Tango untrennbar zur argentinischen Musikkultur, doch nicht allein. Leider erfahren wir in Europa wenig über die kaum überschaubare Vielfalt des musikalischen Spektrums zwischen Volksmusik und klassischen Kompositionen bis hin zum vielfältigen Opernschaffen der Komponisten in dem südamerikanischen Land. Einen Einblick erhielt das Publikum beim Konzert der Schüler des Neckarauer Moll-Gymnasiums. Um es vorweg zu sagen: Es war ein musikalischer Genuss höchsten Ranges, für den sich das Publikum zurecht mit einem anhaltenden Beifall bedankte.

Eingestimmt auf die Melodik und die Rhythmen des südamerikanischen Landes wurden die Zuhörer mit Volksliedern - mal munter-humorvoll ("Arroz con leche"), mal getragen von der Melancholie der Indio-Völker im argentinischen Hochland ("Te digo adios", "La Tilcarena", "Malkischay"). Kubanischen Ursprungs, doch nicht nur in Südamerika, sondern längst auch in Europa ist "Guantanamera" populär. So konnten die Zuhörer beim Refrain in den herrlich gefühlvollen Gesang der Schüler mit einstimmen.

Eine weitere Facette des musikalischen Schatzes stellten die Schülerin Mona Deichelbohrer mit Saxophon und Frederik Diehl am Klavier vor: Jazz, wie er in Argentinien interpretiert wird. "Tangelino" heißt das Stück, das in der Darbietung der Interpreten zu einem großartigen Zwiegespräch der beiden Instrumente wurde. Einen gewichtigen Anteil daran hatte die musikalische Ausstrahlung der Saxophonistin.

Nicht enttäuscht wurde, wer auch einen Tango erwartete. Kunstvoll stilisiert komponierte der Argentinier Juan Carlos Cobián (1896-1953) das Stück "Los Mareados", das die Schüler - in dunklen Hosen und Hemden - mit sichtlicher Hingabe stilsicher vortrugen.

Indes sollten die Höhepunkte nach der Pause mit dem Sinfonieorchester des Gymnasiums folgen. Und da zeigte sich, dass die argentinischen Komponisten auf eine wunderbare Weise ihre europäischen Wurzeln mit der Kultur der Neuen Welt verbinden, überaus einfühlsam interpretiert von den jungen Musikern unter der Leitung ihrer Musiklehrer. Voluminös lassen sie "La Dona" von Luis Rafael Dionisio Sammartino (1888-1973) erklingen, nuancenreich dabei die Einsätze der ersten Violinen.

Gebannt lauscht das Publikum ebenfalls den liedhaften Kompositionen von Luis Milici (1910-1998), dem traurigen Liebeslied "Vidala" oder der munteren Melodie "Carnavalito", mit der der Komponist dem Indio-Volk eine Reverenz erweist. Humorvoll zeigt sich die "Obertura Criolla", mit der Ernesto Drangosch (1882-1925) den europäischen Walzer mit dem südamerikanischen Tango "verkuppelt". Und auch hier erweisen die Schüler ihr Können bei der Wiedergabe des sicher nicht einfachen Dialogs der Kulturen.

Genauso übrigens wie bei dem Oratorium "Jesus Ambulat Super Aquas von Felipe Boero (1884-1958), bei dem neben den Sängersolisten Bernhard Sommer (Bariton) und Jörg Riebold (Tenor) die Violinistin Luisa Wörthmüller zusammen mit dem Sinfonieorchester, dem Kammerchor und dem Kinderchor für ein begeisterndes Finale sorgen.

Das Publikum spendet anhaltenden Beifall. So wie die Schüler die argentinische Musik darbringen, gibt es kaum eine schönere Verbeugung junger Menschen vor der nur scheinbar so fernen Kultur.

Das Konzert ist auf eine Initiative der ehemaligen Moll-Schülerin Bianca Schäfer zustande gekommen. Nach dem Abitur startete sie ihr Studium der Europäischen Kunstgeschichte und Ethnologie. Ein Jahr verbrachte sie dabei in Buenos Aires. Dort lernte sie Lucio Bruno-Videla kennen, der sich für die Verbreitung der argentinischen Musik einsetzt. Dessen Engagement griff sie auf. Zurück in Mannheim steckte sie mit ihrer Begeisterung das Kollegium an. So entstand ein großartiges Projekt. Das allerdings einmalig ist, wie Direktor Dr. Gerhard Weber verriet.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 09.05.2012

   
   
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